Klassiker, Pädagogik, Struwwelpeter
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Der Struwwelpeter

Von vielen verpönt als „schwarze“ Pädagogik, von vielen verschrien als „typisch brutal deutsch“. Doch es steckt auch viel wertvolle Pädagogik im klassischen Kinderbuch Der Struwwelpeter.

struwwelpeterWas tun, wenn die Suche nach einem passenden Buch als Geschenk für das eigene Kind erfolglos bleibt und die Zeit knapp wird? Ganz einfach, man kauft ein leeres Notizheft und beginnt selbst eine Geschichte zu schreiben und auch gleich selbst zu illustrieren. Klingt an den Haaren herbeigezogen? Dabei ist genau dieses Szenario die Entstehungsgeschichte eines der bekanntesten und berühmtesten deutschen Kinderbücher der letzten 150 Jahre.

Dr. Heinrich Hoffmann schrieb Der Struwelpeter im Dezember 1844 für seinen dreiährigen Sohn Carl, nachdem er kein passendes Bilderbuch als Geschenk finden konnte. Das Buch landete schön verpackt unter dem Weihnachtsbaum und wäre ein sehr persönliches Geschenk geblieben, wenn nicht Freunde des Vaters es gesehen hätten und in ihrer Begeisterung Hoffmann, der eigentlich Arzt und Psychiater war, zur Veröffentlichung gedrängt hätten. Der Struwelpeter wurde 1845 erstmals verlegt und zu einem durchschlagenden Erfolg. In der ersten Woche wurden 1500 Stück verkauft, eine unglaubliche Anzahl in dieser Zeit. In 36 Jahren erschienen einhundert Auflagen!

suppenkasperBis heute zählt Der Struwelpeter somit zu den erfolgreichsten und auch meist diskutierten Kinderbüchern im deutschsprachigen Raum. Viele der Geschichten wurden später als grausam und zu autoritär angesehen und das Buch als Beispiel “schwarzer“ Pädagogik eingestuft. Hoffmann, der als einer der ersten Vertreter der Jugendpsychiatrie gilt, verpackte jedoch in seine Geschichten vermutlich auch Erfahrungen mit seinen Patienten. Der Zappelphillip wurde zum Namensgeber für eine Aufmerksamkeitsstörung, der Suppenkaspar erinnert an Menschen mit Magersucht. In der Geschichte vom bösen Friederich tritt Hoffmann ganz vehement gegen Sadismus gegenüber Tieren auf und in der Geschichte von den schwarzen Buben beschreibt er ein Verhalten, das wir heute als Bullying bezeichnen würden.

daumenAlso ist Der Struwwelpeter doch ein gutes Buch? Ich persönlich denke, dass es bei jedem Buch wichtig ist, mit Kindern gemeinsam über das Gelesene zu sprechen und gerade bei Büchern, die vor langer Zeit geschrieben wurden, auch den geschichtlichen Hintergrund zu erklären. Dann kann Der Struwwelpeter zu einem gemeinsamen Erlebnis werden, das bereichert und nicht Angst einjagt.
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Noch intensiver setzen wir uns (Eva Murer und Adrian Plitzco) mit diesem Thema im Podcast „Kinder-Bücher-Musik“ des multikulturellen Radiosenders SBS in Australien auseinander. Eine Viertelstunde voller Informationen, Textbeispielen, Gespräche mit Autoren, Verlegern und Experten, Tipps, Analysen, hin und wieder Dispute, aber meistens Spass.

indexHier geht es zum Podcast: Der Struwwelpeter

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